Wenn ein Servomotor nicht richtig passt, erkennt man das häufig an: Motor wird zu heiß, Taktzeit wird nicht erreicht, oder die Achse schwingt. Damit das nicht passiert, helfen vier Kennzahlen, die in der Praxis am meisten entscheiden: Drehmoment, Überlast, Schutzart (IP) und Temperatur/ Derating.
7 Fragen vor der Servomotor-Auswahl
Diese Punkte sollten vor der Auslegung eines Servomotors geklärt sein:
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Wie hoch sind Dauerlast und Spitzenmoment?
Mn bzw. Mrms für die Dauerlast und Mmax für Beschleunigungs- und Bremsvorgänge prüfen. -
Welches Stillstandsmoment wird benötigt?
Besonders relevant bei Halteaufgaben, Vertikalachsen, Pressen oder hoher Reibung. -
Wie lange dauern Beschleunigungs- und Bremspeaks?
Nicht nur die Höhe der Überlast zählt, sondern auch deren Dauer. -
Welche Umgebungstemperatur herrscht im realen Betrieb?
Sommerbetrieb, Einbausituation und Wärmequellen in der Umgebung berücksichtigen. -
Muss Derating berücksichtigt werden?
Temperatur und Aufstellhöhe können die verfügbaren Ströme und Momente reduzieren. -
Passt die IP-Schutzart zur Anwendung?
Besonders die Schutzart der Wellendurchführung prüfen. -
Ist die Temperaturüberwachung richtig parametriert?
Warn- und Abschaltschwellen passend zum Motor und zur Anwendung festlegen.
Die wichtigste Frage ist nicht „Wie viel Drehmoment?“, sondern: Wie lange und bei welcher Drehzahl?
Stillstandsdrehmoment M0
Das ist das Drehmoment, das ein Motor bei sehr niedriger Drehzahl (typisch n < 100 min⁻¹) unter Nenn-Umgebungsbedingungen dauerhaft abgeben kann.
Relevant für: Halten/ Pressen, Vertikalachsen, hohe Reibung, „stehen & halten“.
Nenndrehmoment Mn (Dauerbetrieb/S1)
Das Nenndrehmoment liegt an, wenn der Motor bei Nenndrehzahl Nennstrom aufnimmt – und kann im Dauerbetrieb (S1) unbegrenzt abgegeben werden.
Relevant für: kontinuierliche Prozesse, gleichmäßige Bewegung, Dauerlast.
Maximalmoment / Spitzenmoment (kurzzeitig)
Die Dynamik entsteht meist durch Spitzenmoment/ Spitzenstrom - aber: Peak ist immer zeitbegrenzt (siehe Überlast).
Praxis-Tipp für die Auslegung:
M0/Mn für die Daueranteile einplanen und Mmax für Beschleunigen/Bremsen absichern. Viele Hersteller nennen als wichtigste Auswahlkriterien genau diese Kombination (inkl. Trägheitsmomente und Effektivmoment).
Fritz-Beispiel: In der BM-Servomotor-Doku wird M0/Mmax/Mrms explizit als Kern-Auswahlkriterium genannt, genauso wie „statische Last + dynamische Belastung (Beschleunigen/Bremsen)“.
2) Überlast: Entscheidend ist die Zeit - nicht nur der Faktor
„Der Motor kann 3× Überlast“ klingt gut, ist aber ohne Zeitangabe wertlos.
Viele Servoregler-Handbücher zeigen das sehr klar: je höher der Ausgangsstrom, desto kürzer die zulässige Zeit; außerdem spielt z. B. die Endstufen-Taktfrequenz und die elektrische Drehfrequenz eine Rolle.
Das bedeutet praktisch:
- Ein Peak von 0,2 s kann völlig unkritisch sein
- derselbe Peak von 2 bis 5 s kann thermisch bereits problematisch werden
- und „Dauer-Peaks“ sind fast immer ein Auslegungs- oder Parametrier-Thema
Praxis-Check:
Erstellen eines einfachen Zyklus-Lastfall (Beschleunigen → Fahren → Bremsen → Halten) und mit anschließender Überprüfung:
- Peaks: wie hoch & wie lange
- Daueranteil: Mrms/Effektivmoment
- Reserve: Temperatur/Einbau (siehe nächster Punkt)
3) Schutzart (IP): IP54 vs IP65 und warum die Welle oft der Knackpunkt ist
IP ist nicht „besser/schlechter“, sondern muss zur Umgebung passen.
Ein typisches Praxisdetail: Manche Motoren haben ein höher geschütztes Gehäuse, aber die Wellendurchführung ist standardmäßig niedriger geschützt – und wird erst mit Wellendichtring auf IP65 gehoben. Das ist ein klassischer Stolperstein.
Wichtig:
Optionen wie ein Wellendichtring können Nenndaten reduzieren (thermisch/verlustbedingt). Es hat also nicht nur Vorteile eine Dichtung zu verwenden.
Fritz-Beispiel: In der BM-Dokumentation wird genau dieser Zusammenhang beschrieben: Wellendichtring → Wellendurchführung IP65, aber mit Hinweis auf mögliche Reduktion der Nenndaten.
4) Temperatur: Der häufigste echte Grund für „Servo passt nicht“
Thermik ist oft die Limitierung und nicht das Drehmoment.
Nennbedingungen sind meist 40 °C Umgebungstemperatur
Viele Daten gelten explizit für bestimmte Umgebungen (typisch 40 °C). Außerdem werden Luftfeuchte-Grenzen und „nicht betauend“ genannt.
Derating: Temperatur & Aufstellhöhe kosten Drehmoment
Oberhalb bestimmter Grenzen (z. B. > 40 °C oder > 1000 m) müssen Ströme/ Momente reduziert werden; teilweise gibt es dafür auch Formeln/ Faktoren.
Temperaturüberwachung gehört dazu
In der Praxis sollte die Wicklungstemperatur überwacht werden (Sensorik + Abschaltschwellen). Ein Beispiel: Konfiguration mit Warnung bei 100 °C und Abschaltung bei 140 °C.
5) Trägheit: Warum sie oft wichtiger ist als Drehmoment
Bei dynamischen Achsen entscheidet nicht nur das Drehmoment, sondern vor allem, wie viel Masse (bzw. Trägheitsmoment) beschleunigt werden muss und wie gut Motor und Last zusammenpassen.
5.1 Die Kernidee
- Trägheitsmoment J beschreibt, wie „widerwillig“ ein System seine Drehzahl ändert.
- Je größer das Last-Trägheitsmoment (auf Motorseite umgerechnet), desto mehr Drehmoment braucht man für dieselbe Beschleunigung.
- Ein Servo mit ausreichend Drehmoment kann trotzdem schlecht laufen, wenn das Trägheitsverhältnis ungünstig ist.
5.2 Die wichtigste Formel (grob vereinfacht)
Für Rotationsachsen gilt grob:
M ≈ J · α
- M = Beschleunigungsmoment
- J = (auf die Motorwelle bezogenes) Trägheitsmoment
- α = Winkelbeschleunigung
Heißt: Doppelte Trägheit → doppeltes Beschleunigungsmoment, wenn die Taktzeit gleich bleiben soll.
5.3 Trägheitsverhältnis: Motor „führt“ oder Last „dominiert“
In der Praxis schaut man auf das Verhältnis:
J_Last(fremd) / J_Motor(eigen)
Warum das so wichtig ist:
- Regelgüte & Stabilität: Je höher das Verhältnis, desto schwieriger wird es, schnell und schwingungsfrei zu regeln.
- Taktzeit: Hohe Lastträgheit macht Beschleunigen/Bremsen teuer (Drehmoment + Überlast + Temperatur).
- Schwingungen: Ein schlechtes Verhältnis verstärkt mechanische Nachgiebigkeiten (Riemen, Kupplung, Getriebe-Spiel, lange Spindeln).
Faustregeln (praxisüblich):
- Direktantrieb/ steife Mechanik/ geringe dynamische Anforderungen: oft klappt ein höheres Verhältnis noch gut.
- „Weiche“ Mechanik (Riemen, lange Spindel, Elastizität): lieber konservativer auslegen.
(Die exakten Grenzwerte hängen stark von Mechanik, Getriebe und gewünschter Dynamik ab – deswegen sind Faustregeln nur Startpunkte.)
5.4 Getriebe als „Trägheits-Übersetzer“
Ein Getriebe reduziert die auf den Motor reflektierte Lastträgheit stark:
J_reflektiert = J_Last / i²
Die Übersetzung i reduziert die Trägheit, die der Motor „sieht“ im Quadrat. Das ist der Grund, warum ein Getriebe oft nicht nur mehr Drehmoment bringt, sondern die Achse im Endeffekt auch besser regelbar macht.
5.5 Typische Fehlerbilder, die nach einem Reglerproblem aussehen, aber auf die Trägheit zurückzuführen sind
- Achse schwingt nach (trotz sauberem Tuning)
- Motor wird beim Takten heiß, obwohl Dauerlast klein ist
- Positionierung braucht lange um sauber einzuschwingen/ auf Position zu fahren
- Bei schnellen Sollwertsprüngen kommt es zu Überstrom (i²t Fehler)/ Schleppfehlern…
5.6 Mini-Checkliste für den Blog
Zur Bewertung der Trägheit benötigt man:
- Bewegte Masse / Trägheitsmoment der Last
- Mechanik: Riemen? Spindel? Getriebe? (Steifigkeit/Spiel)
- Gewünschte Beschleunigung / Taktzeit
- Umrechnung auf Motorseite (inkl. i² beim Getriebe)
FAQ
Welche Servomotor-Kennzahl ist am wichtigsten?
Meist die Kombination aus Dauer-Drehmoment (Mn/Mrms) und Spitzenmoment (Mmax), plus realistischem Temperatur-/ Einbaukonzept.
Was bedeutet S1 bei Servomotoren?
S1 steht für Dauerbetrieb. Ein Nenndrehmoment, das im S1-Betrieb angegeben ist, kann unter Nennbedingungen dauerhaft abgegeben werden.
IP65: Reicht das für Nassbereiche?
Kommt auf die Einbausituation an. Besonders wichtig ist, ob Gehäuse und Wellendurchführung wirklich auf IP65 ausgelegt sind (oft braucht es dafür einen Wellendichtring).
Warum wird der Servomotor zu heiß, obwohl das Drehmoment passt?
Weil Peaks zu lange dauern, der Einbau die Kühlung verschlechtert, oder Derating (Temperatur/ Höhe) nicht berücksichtigt wurde.
Wenn Sie möchten, kann Fritz Antriebstechnik Ihre Achsdaten kurz gegenprüfen (Lastprofil, Umgebungsdaten, IP/Einbau) und eine passende Motor-/ Regler-Kombination vorschlagen.
Gerade bei Sondermaschinen ist das oft schneller als „trial & error“